Jährlich präsentiert die Sammlung Essl eine Auswahl
an Neuankäufen. Es ist eine zentrale Aufgabe des Museums
anhand von Ausstellungen darüber zu informieren, dass die
Sammlung aktiv wächst und wo die Schwerpunkte bei den Neuerwerbungen
liegen. Im letzten Jahr hat der Sammler Karlheinz Essl dafür
im Großen Saal in opulenter Fülle einen vielschichtigen
Einblick in die Depots gewählt.
ANSELM KIEFER
Horlogium (2003) - Detailansicht
Öl, Emulsion, Acryl auf Leinwand mit Gipspflanzen, 500
x 280 cm
Fotonachweis: Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Paris
© Anselm Kiefer
Anselm Kiefers monumentales Werk Horlogium (Sternenfall)
von 2003 ist diesmal Zentrum der Ausstellung. Nach vielen Gesprächen
und Besuchen bei dem Künstler in Frankreich ist es dem
Sammler gelungen, ein spätes Hauptwerk, eine großformatige
Leinwand und 12 Bleibücher, zu erwerben. Damit ist es zum
ersten Mal seit langer Zeit möglich, ein wichtiges Werk
dieses umstrittenen Stars der internationalen zeitgenössischen
Kunst in Österreich zu zeigen und zur Diskussion zu stellen.
Die sensible künstlerische Auseinandersetzung mit Material
und Bildoberflächen bei Anselm Kiefer, aber auch seine
Reflexion deutscher Geschichte und Mythen bilden den inhaltlichen
Focus für die Auswahl weiterer Neuankäufe in dieser
Schau.
Werke von Georg Baselitz, Per Kirkeby, Sigmar Polke, Antoni
Tàpies, und Günter Uecker, - alles Zeitgenossen
von Anselm Kiefer - treten miteinander in Dialog, die unterschiedlichen
Auffassungen in der Behandlung von Farbe, Material, Oberfläche
und Erzählung können verglichen werden. Zu entdecken
ist die monumentale archaische Präsenz in der Verwendung
von Material bei dem wichtigen fünfteiligen Alterswerk
von Antoni Tàpies, Dietari, im Vergleich mit Kiefers
vielschichtigem Werk. Die Verwendung "armer" Materialien, wie
bei den Bleibüchern von Kiefer, ist auch für Günter
Uecker bezeichnend. Vom Minimalismus der 1960er Jahre beeinflusst
erzeugt er mit Nägeln und Baumstammteilen einen fünfteiligen
Wald.
SIGMAR POLKE
Für den Dritten Stand bleiben nur
noch die Krümel (1997)
Michtechnik auf Polyestergewebe, 280 x 350 cm
Fotonachweis: Courtesy James Cohan Gallery, New York
© Sigmar Polke
Die Auseinandersetzung mit zarter Farbsetzung und leerem weißem
Malgrund ist für die kleinen Gouachen von Per Kirkeby kennzeichnend.
Bei den neueren großformatigen Aquarellen von Georg Baselitz
überrascht eine ähnliche Leichtigkeit; sein früheres
Werk war von rohem, alles erfüllendem Malfluss bestimmt.
Baselitz galt in den 1980er Jahren vielen neben Kiefer und Lüpertz,
als typischer Vertreter einer als deutsch klassifizierten Kunst.
Sigmar Polke pflegt einen experimentellen Umgang mit den Möglichkeiten
der Malerei. Er verwendet ungewöhnliche Materialien, bei
dem Werk Für den dritten Stand bleiben nur noch die
Krümel, ist es ein transluzider Malgrund. Der Künstler
hat, im Gegensatz zu Tàpies und Kiefer, Malerei vielmehr
als Forschungsobjekt gesehen und ständig das Infragestellen
von Traditionen (auch der eigenen) betrieben. Die oft ironische
Widersetzung traditioneller Erzählstrukturen im Werk von
Sigmar Polke wird von seinen Bildtiteln verstärkt.
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Antoni Tàpies
Dietari Num. V (2002)
Michtechnik auf Holz
270 x 220 cm
Fotonachweis: Courtesy Galerie Lelong, Paris
© VBK, Wien 2004 |
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Jonathan Meese
Mussolini (2000)
Öl auf Leinwand
200 x 130 cm
Fotonachweis: courtesy Contemporary Fine Arts Berlin
© Jonathan Meese |
Eine narrative Aufladung der Kunst mit Motiven und Versatzstücken
deutscher Geschichte findet sich sowohl im Werk von Anselm Kiefer
als auch bei dem jungen Jonathan Meese. Beide Künstler
setzen diese aber höchst unterschiedlich ein.
Während
Kiefer gerade mit der scheinbar ungebrochenen Monumentalisierung
von Mythen und (deutscher) Naturempfindung arbeitet, sampelt
Meese frech und dynamisch den Fundus der Geschichte ohne Trennung
von Erlaubtem und Verbotenen, er treibt sein narzistisches Spiel
mit ihnen. Ihm inhaltlich viel näher scheint die Arbeitsweise
von Franz West, für den es auch keine Unterscheidung von
Bedeutendem und Unbedeutendem in der Verwendung von Materialien
und Inhalten zu geben scheint, West ist mit zwei Papiermaché
Skulpturen vertreten.
Eine klar definierte Grenze von Bild, Objekt und Skulptur
gibt es bei den Scheiben von Anish Kapoor nicht. Er arbeitet
bewusst nicht mit der Reizüberflutung und dem Einsatz alltäglicher
Materialien sondern mit asketischer Reduzierung auf ästhetische
Materialwirkung. Der Besucher spiegelt sich in der überdimensionalen
Schale aus bemaltem Aluminium, wird aber auch gleichsam von
der konkaven Form aufgesogen.